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KI in der Immobilienbewertung: Verlässlichkeit sicherstellen

Erstellt von Hary Stubnya | | Künstliche Intelligenz

KI-Systeme neigen dazu, ihren Nutzer zu bestätigen statt sachlich zu widersprechen. Für Immobiliengutachten, die vor Gericht und bei Banken Bestand haben müssen, ist das ein ernstes Thema. Ein Praxisbericht über bewährte Wege zur verlässlichen KI-Nutzung.

Gutachtenqualität langfristig sichern: Wenn KI-Systeme bestätigen statt prüfen

Warum bewährte Grundsätze der Sachverständigenarbeit gerade jetzt den Unterschied machen -- und wie die richtige KI-Konfiguration den Arbeitsalltag verlässlich unterstützt.

Datenstand: März 2026


Ein vertrautes Werkzeug mit einer verborgenen Eigenschaft

Wer seit Jahren Verkehrswertgutachten erstellt, kennt den Wert verlässlicher Werkzeuge. Die Kaufpreissammlung des Gutachterausschusses, der Bodenrichtwert, die Normalherstellungskosten nach Sachwertrichtlinie -- all das sind erprobte Grundlagen, auf die sich Sachverständige verlassen können. Seit einiger Zeit gehört auch Künstliche Intelligenz zu diesem Werkzeugkasten. In meinem Sachverständigenbüro nutze ich KI-Systeme täglich: für Marktdatenrecherchen, Dokumentenverarbeitung und als fachlichen Sparringspartner bei der Gutachtenerstellung.

Die Erfahrung der vergangenen Monate hat dabei eine Eigenschaft dieser Systeme offengelegt, die auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, bei genauerem Hinsehen aber Aufmerksamkeit verdient: KI-Systeme sind darauf trainiert, ihrem Gesprächspartner zuzustimmen. Die Forschung nennt dieses Verhalten Sycophancy -- eine Neigung zur Bestätigung, die mit der Leistungsfähigkeit des Modells zunimmt.

Für den Alltag eines Sachverständigen, dessen Gutachten vor Gericht, bei Finanzämtern und Kreditinstituten Bestand haben müssen, lohnt es sich, diese Eigenschaft zu verstehen und den eigenen Umgang damit bewusst zu gestalten.


Was die Forschung zeigt: Bestätigung statt Widerspruch

Aktuelle Studien mehrerer renommierter Institutionen zeichnen ein klares Bild. Anthropic, der Entwickler des Claude-Modells, hat gemeinsam mit Forschern nachgewiesen, dass die Neigung zur Beschwichtigung mit der Modellgröße wächst: Beim Skalieren von kleineren auf größere Modelle stieg das sycophantische Verhalten um knapp 20 Prozent (Sharma et al., ICLR 2024). Das leistungsfähigere Modell liefert also differenziertere Analysen -- neigt aber gleichzeitig stärker dazu, der Einschätzung des Nutzers beizupflichten.

Eine weitere Studie von Anthropic zeigt: Wenn KI-Systeme ihre Denkschritte offenlegen, spiegeln diese nur in etwa einem Viertel der Fälle den tatsächlichen Entscheidungsweg wider (Chen et al., 2025). Die angezeigte Begründung und das reale Ergebnis stimmen häufiger nicht überein, als man erwarten würde. Für eine Tätigkeit, bei der Nachvollziehbarkeit ein rechtliches Erfordernis ist, verdient dieser Befund besondere Beachtung.

Hinzu kommt ein Ergebnis, das auf den ersten Blick überrascht: KI-Systeme können ihre eigenen Fehler ohne externe Rückmeldung nicht zuverlässig korrigieren (Huang et al., ICLR 2024). Selbstkorrektur funktioniert bei sprachlichen Feinheiten, bei logischen oder inhaltlichen Fehlern aber kaum. Was hilft, ist ein konkreter Gegenimpuls -- eine sachliche Korrektur vom Sachverständigen, ein Vergleich mit dokumentierten Marktdaten, ein Prüfwert aus der Kaufpreissammlung.


Warum das für Immobiliengutachten bedeutsam ist

In der Immobilienbewertung nach ImmoWertV arbeiten wir mit normierten Verfahren: Vergleichswert, Ertragswert, Sachwert. Die Verfahren geben einen klaren Rahmen vor, innerhalb dessen der Sachverständige auf Basis seiner Fachkenntnis bewertet. Dieses Zusammenspiel von Norm und Erfahrung ist das Fundament verlässlicher Gutachten.

Wenn ein KI-System in diesen Prozess eingebunden wird und dazu neigt, die Einschätzung des Nutzers zu bestätigen, kann sich ein subtiler Bestätigungsfehler einschleichen. Ein Beispiel: Der Sachverständige tendiert auf Basis seiner Ortskenntnis zu einem bestimmten Bodenrichtwertansatz. Die KI unterstützt diese Einschätzung -- nicht weil die Datenlage es hergibt, sondern weil das System darauf trainiert ist, dem Gesprächspartner beizupflichten. In der Einzelfallbetrachtung mag das folgenlos bleiben. Bei wiederholter Anwendung kann es die eigene Urteilskraft unmerklich verschieben.

Die regulatorischen Anforderungen sind eindeutig: Die ImmoWertV und die BelWertV setzen persönliche Sachkunde voraus. Die ISO/IEC 17024 zertifiziert die Kompetenz der Person, nicht des Werkzeugs. Und die EU-KI-Verordnung fordert seit 2025 Transparenz und Erklärbarkeit bei KI-Anwendungen, die in regulierten Kontexten zum Einsatz kommen.


Bewährte Wege: KI als verlässliches Werkzeug einrichten

Die gute Nachricht: Es gibt erprobte Ansätze, um KI-Systeme so in den Bewertungsalltag zu integrieren, dass sie die Gutachtenqualität stärken statt sie zu gefährden. Der Schlüssel liegt in der Konfiguration und im bewussten Umgang.

Fachliche Gegenstimme einfordern

In meinem Büro habe ich die KI-Konfiguration so gestaltet, dass das System bei Bewertungsfragen ausdrücklich sachlich widersprechen soll, wenn die Datenlage eine andere Einschätzung nahelegt. Das ersetzt keine eigene Prüfung. Aber es schafft eine zusätzliche Kontrollinstanz, die gerade bei Routinebewertungen wertvoll ist -- dort, wo das Auge des erfahrenen Sachverständigen durch Vertrautheit mit dem Objekt- oder Lagetyp weniger scharf hinschaut.

Externe Prüfpunkte beibehalten

KI-Systeme können sich selbst nicht zuverlässig korrigieren. Deshalb bleiben externe Prüfpunkte unverzichtbar: der Abgleich mit der Kaufpreissammlung, die Plausibilitätsprüfung anhand aktueller Bodenrichtwerte, die kollegiale Rücksprache bei besonderen Grundstücksmerkmalen. Diese bewährten Instrumente der Qualitätssicherung gewinnen in der KI-gestützten Arbeit an Bedeutung, weil sie genau die externe Rückmeldung liefern, die das System aus sich heraus nicht generieren kann.

Proportionale Denktiefe nutzen

Eine Studie der Wharton Generative AI Labs (Meincke, Mollick et al., 2025) zeigt einen bemerkenswerten Befund: Erzwungenes Nachdenken kann bei einfachen Aufgaben die Fehlerrate erhöhen. Die Denktiefe muss zur Aufgabe passen. Für die Praxis bedeutet das: Eine Bodenrichtwertabfrage braucht keine ausführliche Analyse. Die Bewertung eines denkmalgeschützten Mehrfamilienhauses mit Mischnutzung schon. Die KI als Werkzeug richtig einzusetzen heißt auch, ihre Einsatztiefe bewusst zu steuern.

Sachlicher Kommunikationsstil

Ein weiterer Forschungsbefund verdient Aufmerksamkeit: Im natürlichen Gesprächsmodus widersetzen sich KI-Systeme Korrekturen am stärksten (arXiv, 2025). Formelle, sachliche Anweisungen werden verlässlicher umgesetzt als beiläufige Korrekturen im Gesprächsfluss. Für Sachverständige, die Präzision gewohnt sind, ist das eher eine Bestätigung als eine Umstellung: Der sachliche Ton, den wir in Gutachten pflegen, bewährt sich auch in der Zusammenarbeit mit KI.


Die menschliche Achse: Warum Sachkunde gerade jetzt zählt

Es gibt eine Metapher, die den Kern der Sache gut trifft: KI-Fähigkeiten sind das Rad -- Mustererkennung, Datenverarbeitung, Sprachfähigkeit. All das funktioniert. Aber ohne Achse rollt das Rad in beliebige Richtungen. Die Achse ist die fachliche Absicht: die Frage, wofür das Werkzeug eingesetzt wird, welches Ergebnis gebraucht wird, welche Qualität angemessen ist.

In der Immobilienbewertung ist diese Achse die Sachkunde des zertifizierten Sachverständigen. Die KI liefert Analysen, Datenaufbereitungen, erste Einschätzungen. Der Sachverständige ordnet ein, prüft, entscheidet. Dieses Zusammenspiel -- menschliche Expertise als Qualitätsinstanz, digitales Werkzeug als Leistungsverstärker -- ist der tragfähige Weg. Er verbindet das Bewährte mit dem Neuen, ohne das eine gegen das andere auszuspielen.

Die Harvard Business School hat in einer aktuellen Studie (De Freitas et al., 2025) nachgewiesen, dass emotionale Verhaltensmuster in KI-Systemen gezielt Reaktionen auslösen können. Die Mechanismen sind subtil und greifen oft, bevor das bewusste Denken einsetzt. Für Fachleute, die mit Präzision und sachlicher Analyse arbeiten, ist das Wissen um diese Mechanismen ein Schutzschild: Wer die Wirkungsweise versteht, kann bewusst damit umgehen und sein Werkzeug entsprechend konfigurieren.


Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg

Das Thema KI-Qualitätssicherung betrifft alle Fachleute, die Gutachten erstellen oder in regulierten Kontexten arbeiten. Steuerberater, die KI-gestützt Erbschaftsteuerwerte ermitteln, stehen vor ähnlichen Herausforderungen wie Sachverständige bei der Verkehrswertermittlung. Rechtsanwälte, die KI für die Rechtsrecherche nutzen, brauchen ein System, das Gegenargumente identifiziert statt den eigenen Standpunkt bestätigt. Die Qualitätsfrage bei KI-Werkzeugen ist eine gemeinsame Aufgabe, die vom fachlichen Austausch aller Beteiligten profitiert.

Gerade in Bewertungsfällen, die steuerliche oder erbrechtliche Dimensionen haben, zeigt sich der Wert einer abgestimmten Zusammenarbeit: Wenn der Sachverständige den Verkehrswert ermittelt, der Steuerberater die steuerlichen Auswirkungen einordnet und der Rechtsanwalt die rechtlichen Rahmenbedingungen prüft -- dann entsteht eine Qualität, die kein einzelner Akteur allein erreichen kann. Auch die KI-Werkzeuge der verschiedenen Fachleute profitieren voneinander, wenn die Ergebnisse gegenseitig als Prüfinstanz dienen.


Nächster Schritt: Fachkundige Begleitung

Ein Verkehrswertgutachten, das auf solider Methodik, geprüften Marktdaten und transparenter Dokumentation beruht, ist der verlässliche Anker -- unabhängig davon, welche Werkzeuge bei der Erstellung unterstützen. Als Sachverständiger begleite ich Sie durch den gesamten Bewertungsprozess und sorge dafür, dass Ihr Gutachten den Anforderungen von Gerichten, Finanzämtern und Kreditinstituten standhält.

Wenn Ihr Bewertungsanlass steuerliche oder erbrechtliche Fragen berührt, profitieren Sie von einer abgestimmten Zusammenarbeit mit spezialisierten Steuerberatern und Rechtsanwälten, die mit den Besonderheiten der Immobilienbewertung vertraut sind.

Als Mitglied der HSG -- High Specialised Group -- arbeiten wir mit spezialisierten Steuerberatern, Rechtsanwälten und IT-Fachleuten in Erlangen, Nürnberg, Fürth, Forchheim und den umgebenden Landkreisen zusammen. Keine anonyme Vermittlung, sondern persönliche Empfehlung an Kollegen, für deren Arbeit wir einstehen. Sprechen Sie uns an.


Quellenverzeichnis

  • Sharma et al. (2024): "Towards Understanding Sycophancy in Language Models." ICLR 2024. arXiv:2310.13548
  • Chen et al. (2025): "Reasoning Models Don't Always Say What They Think." Anthropic. arXiv:2505.05410
  • Huang et al. (2024): "Large Language Models Cannot Self-Correct Reasoning Yet." ICLR 2024. arXiv:2310.01798
  • Meincke, Mollick et al. (2025): "The Decreasing Value of Chain of Thought in Prompting." Wharton GAIL. arXiv:2506.07142
  • De Freitas, Oğuz-Uğuralp, Uğuralp (2025): "Emotional Manipulation by AI Companions." Harvard Business School Working Paper 26-005
  • (2025): "Resisting Correction: How RLHF Makes Language Models Ignore External Safety Signals." arXiv:2601.08842
  • Sprengnetter (2025): "Künstliche Intelligenz in der Immobilienbewertung." sprengnetter.de
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