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Bestandsschutz im Baurecht — warum Ihr Steuerberater danach fragt

Erstellt von Hary Stubnya | | Baurecht & Bestandsschutz

Bestandsschutz im Baurecht entscheidet über den Wert einer Immobilie. Wann greift er, welche vier Konstellationen gibt es — und warum braucht es dafür ein gutes Expertennetzwerk?

Bestandsschutz im Baurecht — warum Ihr Steuerberater danach fragt

Datenstand: März 2026

Sie kennen das: Ihr Steuerberater ruft an, Ihr Anwalt schickt eine Rückfrage, der Architekt möchte wissen, wie die Genehmigungslage aussieht. Die Frage dahinter ist oft dieselbe — genießt das Gebäude Bestandsschutz? Und was bedeutet das für den Wert der Immobilie?

Diese Frage verbindet Disziplinen. Sie berührt das Grundgesetz genauso wie die Bayerische Bauordnung, die Wertermittlung genauso wie die steuerliche Behandlung. Und genau deshalb lohnt es sich, das Thema einmal sauber aufzubereiten — für alle, die in der Praxis damit arbeiten.

Was Bestandsschutz bedeutet — und woher er kommt

Bestandsschutz leitet sich aus der Eigentumsgarantie des Grundgesetzes ab (Art. 14 Abs. 1 GG). Das Bundesverfassungsgericht hat es klar formuliert: Wer eine bauliche Anlage legal errichtet hat, darf sie behalten und nutzen — auch wenn sich das Baurecht nachträglich ändert (BVerfG, 1 BvR 151/99).

Das ist ein starkes Schutzinstrument. Es sorgt dafür, dass Eigentümer Vertrauen in den Bestand ihrer Immobilie haben können. Gleichzeitig hat dieser Schutz klare Grenzen — und genau die zu kennen, macht den Unterschied in der Praxis.

Die entscheidende Trennlinie: genehmigt oder genehmigungsfähig?

Viele denken beim Bestandsschutz zuerst an die Baugenehmigung. Liegt eine vor, ist alles in Ordnung. Fehlt sie, wird es kritisch. So einfach ist es allerdings nicht.

Die eigentliche Trennlinie verläuft zwischen genehmigungsfähig und nicht genehmigungsfähig. Ein Gebäude ohne Baugenehmigung, das aber dem materiellen Baurecht entspricht, genießt Bestandsschutz. Ein Gebäude, das weder genehmigt noch genehmigungsfähig ist, genießt keinen — egal wie lange es schon steht.

Diese Unterscheidung ist es, die Steuerberater, Anwälte und Architekten gleichermaßen beschäftigt. Sie hat Konsequenzen für die AfA-Berechtigung, für Nachgenehmigungsverfahren und für die Frage, welche Umbaumaßnahmen überhaupt zulässig sind.

Vier Konstellationen — vier Rechtsfolgen

In der Praxis ergeben sich aus dem Zusammenspiel von formeller und materieller Legalität vier klar unterscheidbare Konstellationen:

Materiell genehmigungsfähigMateriell nicht genehmigungsfähig
Formell genehmigtVoller Bestandsschutz. Genehmigung liegt vor, Vorhaben entspricht dem materiellen Recht. Keinerlei bauaufsichtliche Maßnahmen möglich.Bestandsschutz durch Genehmigung. Die erteilte Baugenehmigung schützt den Bestand, auch wenn sich das materielle Recht geändert hat. Maßnahmen nur bei Widerruf der Genehmigung.
Formell nicht genehmigtBestandsschutz gegeben. Es genügt, dass die Anlage zu irgendeinem Zeitpunkt genehmigungsfähig war (Sprengnetter, Lehrbuch Teil 1, Kap. 21). Nachträgliche Genehmigung möglich.Kein Bestandsschutz. Einzige Konstellation ohne Schutz. Beseitigungsanordnung möglich. Auch langjährige Duldung begründet keinen Bestandsschutz.

Diese Tabelle ist das Werkzeug, mit dem Fachleute aus verschiedenen Disziplinen dieselbe Sprache sprechen. Wenn der Architekt die bauliche Situation vor Ort aufnimmt, der Anwalt die Genehmigungslage prüft und der Sachverständige den Wert ermittelt, arbeiten alle mit denselben vier Konstellationen.

Wie Bestandsschutz entsteht — und wie er verloren geht

Das Bundesverwaltungsgericht hat die Grundsätze in mehreren Entscheidungen geprägt:

Entstehung: Bestandsschutz beginnt mit der Fertigstellung des Vorhabens (BVerwG, 4 C 3.90). Voraussetzung ist, dass es im Einklang mit dem Baurecht errichtet wurde — oder zumindest zu einem bestimmten Zeitpunkt genehmigungsfähig war.

Umfang: Geschützt ist die vorhandene Bausubstanz einschließlich Reparatur- und Wiederherstellungsarbeiten. Erweiterungen und Ersatzbauten sind grundsätzlich nicht vom passiven Bestandsschutz erfasst (BVerwG, IV C 75.71).

Erweiterter Bestandsschutz: Der Gesetzgeber hat mit § 34 Abs. 3a BauGB einen erweiterten Bestandsschutz normiert, der bestandsorientierte Weiterentwicklung und Energieeffizienzmaßnahmen ermöglicht. Das ist eine bewusste Entscheidung für die Zukunftsfähigkeit bestehender Gebäude.

Verlust: Bestandsschutz kann durch erkennbare Nutzungsaufgabe enden, durch wesentliche Funktionsänderung oder durch Substanzverlust. Bei einer Nutzungsaufgabe kann die fortwirkende Prägung noch bis zu drei Jahre nachwirken.

Verfahrensfreiheit — ein Sonderfall, der häufiger vorkommt als gedacht

In der Praxis begegnet uns regelmäßig eine Situation, die auf den ersten Blick Unsicherheit auslöst: Bauliche Maßnahmen ohne Baugenehmigung, die aber vollkommen in Ordnung sind.

Dachflächenfenster sind in Bayern seit dem 01.01.1998 verfahrensfrei (Art. 57 Abs. 1 Nr. 11 d BayBO, eingeführt durch das Zweite Gesetz zur Vereinfachung und Beschleunigung baurechtlicher Verfahren vom 26.07.1997, GVBl. S. 323). Sie brauchen kein Genehmigungsverfahren.

Seit dem 01.01.2025 gilt das auch für den Dachgeschossausbau zu Wohnzwecken, einschließlich Dachgauben (Art. 57 Abs. 1 Nr. 18 BayBO, BayBO-Novelle 2025). Es besteht lediglich eine Mitteilungspflicht an die Gemeinde.

Die Konsequenz für den Bestandsschutz: Was verfahrensfrei ist, kann nicht formell illegal sein. Die Bestandsschutzfrage stellt sich bei diesen Maßnahmen in der Regel gar nicht — weil bereits die Voraussetzung der Genehmigungspflicht entfällt.

Für Eigentümer, die ihr Dachgeschoss ausgebaut haben, ist das eine gute Nachricht. Und für alle beteiligten Fachleute eine wichtige Klarstellung, die Unsicherheit aus Gesprächen nimmt.

Was das für die Immobilienbewertung bedeutet

Die Einordnung in eine der vier Konstellationen hat direkte Auswirkungen auf den Verkehrswert. Sprengnetter stellt das in der Fachliteratur klar (Teil 6, Kap. 2, Abschnitt 1.15):

KonstellationErträge ansetzbar?Fachliche Einordnung
Formell und materiell legalJa, vollständigKein Bewertungsrisiko
Formell legal, materiell illegalJa, mit EinschränkungBaugenehmigung schützt; Risiko bei Widerruf berücksichtigen
Formell illegal, materiell genehmigungsfähigJa, wenn Genehmigungsfähigkeit hinreichend sicherNachgenehmigung möglich und empfehlenswert
Formell und materiell illegalNeinNutzung kann jederzeit untersagt werden; ggf. Beseitigungskosten wertmindernd

In der Bewertungspraxis begegnen uns materiell illegale Zustände häufiger als vermutet: unzulässige Wohnnutzungen im Untergeschoss, Dachausbauten jenseits des Zulässigen, bauliche Erweiterungen ohne Rechtsgrundlage.

Wenn die Einordnung unklar ist, empfiehlt die Fachliteratur eine Alternativbewertung — unter Annahme materieller Zulässigkeit und unter Annahme materieller Illegalität (Sprengnetter, Teil 15). So bekommt der Auftraggeber ein klares Bild der Bandbreite.

Warum ein Expertennetzwerk den Unterschied macht

Bestandsschutz ist ein Thema, bei dem Fachleute aus verschiedenen Disziplinen zusammenkommen. Der Sachverständige ermittelt den Wert, aber er braucht die Einordnung des Anwalts zur Genehmigungslage und die Bestandsaufnahme des Architekten zur baulichen Substanz. Der Steuerberater wiederum braucht die Bewertung, um die AfA-Berechtigung bei fraglichen Zuständen sauber zu behandeln.

Dieses Zusammenspiel funktioniert am besten, wenn sich die Beteiligten persönlich kennen und dieselbe fachliche Sprache sprechen. Wenn der Architekt bei der Ortsbegehung eine Auffälligkeit bemerkt, der Anwalt die baurechtliche Einordnung liefert und der Sachverständige die Wertauswirkung beziffert — dann entsteht ein Ergebnis, auf das sich alle Seiten verlassen können.


Nächster Schritt: Fachkundige Begleitung

Eine fundierte Immobilienbewertung klärt, welche Räume und Nutzungen in den Verkehrswert einfließen dürfen — und wo eine Alternativbetrachtung geboten ist. Bei Fragen zur Genehmigungslage empfiehlt sich die Zusammenarbeit mit einem Fachanwalt für Baurecht, bei geplanten Umbaumaßnahmen mit einem erfahrenen Architekten.

Als Mitglied der HSG — High Specialised Group — arbeiten wir mit spezialisierten Rechtsanwälten und Architekten in Erlangen, Nürnberg, Fürth, Forchheim und den umgebenden Landkreisen zusammen. Keine anonyme Vermittlung, sondern persönliche Empfehlung an Kollegen, für deren Arbeit wir einstehen. Lassen Sie uns darüber sprechen.

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